Quellen zur Geschichte der Juden in der Mark Brandenburg (1273–1347)

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Brandenburg 1, Nr. 8

1297 April 4

Otto [IV.?] und Konrad [I.], Markgrafen von Brandenburg und Landsberg (1), bestätigen auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtgemeinde (consulibus atque burgensibus universis civitatis Stendale) den in der Stadt Stendal jetzt und künftig wohnenden Juden (Judeis nunc civitatem Stendale inhabitantibus et futuris temporibus inhabitandis) folgende ihrer Rechte (suas patentes litteras):

[Bestimmungen zum Leben in der Stadt:]

[1] Dass die Juden die Rechte der Stadt in Anspruch nehmen können und von den Konsuln wie Bürger zu schützen sind:

Judei comuni jure gaudeant civitatis et a dictis consulibus tamquam burgenses eorum proprii tueantur.

[2] Jeder Jude muss bei Neuaufnahme in die Stadt einen Mindestbesitz von 10 Mark aufweisen:

Nullus Judeus iam (2) dictam nostram civitatem Stendale inhabitet et jure simili potiat[ur], nisi substantia suarum rerum se extendat ad summam decem marcarum.

[3] Die Jahresabgabe von einem Lot (3) ist zu zwei Terminen, Walburgis und Martini, jeweils hälftig zu entrichten.

[4] Im Falle einer Rechtsstreitigkeit soll ein Jude vor der Synagoge (ante scolas) (4) und in deutscher Sprache (lingua theuthonica) einen Eid leisten können, sodass er von den Christen auch verstanden wird.

[Bestimmungen zur Geldleihe:]

[5] Hinsichtlich der Geldleihe sollen sich die Juden an geltendes Recht halten, Zuwiderhandlungen werden mit einer Strafe von 10 Mark geahndet, die Strafgelder gehen je zur Hälfte an Landesherrn und Stadt.

[Sondervereinbarung für die Söhne Oemes':]

[6] Ferner werden nachstehende Rechte aus besonderen Vereinbarungen der Söhne des Juden Oemes neu erteilt (vt pueris Oemes Judei suas patentes litteras conferant speciales):

auch sie sollen wie Bürger (vtpote Burgenses) der Stadt behandelt werden und je hälftig eine jährliche Abgabe von vier Mark zu den bereits genannten Zahltagen leisten.

[7] Ferner sollen [nun wohl wieder alle Stendaler] Juden durch die Räte der Stadt vor den Übergriffen der durch den Markgrafen Bevollmächtigten (nostros aduocatos aut officiales) geschützt werden.

[8] An der städtischen consagittatio (5) werden auch die Juden mit einem Schilling pro Familie (unum solidum de mensa) beteiligt.

Es siegeln - wie angekündigt - die Aussteller.

Actum et datum anno Domini Mᵒ CCᵒ XCVIIᵒ in die sancti Ambrosii.

Zeugen sind die Berater und Ritter (nostris consiliariis atque militibus domino Jo[hanne] de Oldenvlete, domino H[enrico] de Stegeliz, domino Jo[hanne] de Blanckenborch, domino Zab[e]lle de Bardeleue, domino Jo[hanne] de Jagowe advocato i[n] (6) Ratenowe; domino Tzuliz atque domino Ludekino fratre suo et pluribus fide degnis [!]. (7)

(1) Die hier noch erwähnte Mark Landsberg gehörte seit 1291 zu den mitteldeutschen Besitzungen der brandenburgischen Askanier (LexMA V, Sp. 1674), die nicht unmittelbar an das Gebiet der Mark Brandenburg angrenzen. Die Festlegung auf die genannten Aussteller erfolgt auf Grund des Umstandes, dass der Verkauf durch Albrecht den Entarteten an die Johanneische Linie der brandenburgischen Askanier erfolgte (Hist. Stätten, Bd. 11, S. 263), der sowohl Otto IV. als auch Konrad I. als Brüder angehörten, die mit ihrem Bruder Johann II. gemeinsam ab 1266/68 (dritte Erbteilung) weite Teile der Mark Brandenburg regierten, unter anderem auch die 1260 der Johanneischen Linie zugeteilte südliche Altmark (vgl. Schulze, Landesteilungen (1928), v.a. S. 16–18).

(2) Fehlt in der Edition CDB.

(3) Ein Sechzehntel einer Mark.

(4) Ob in der Anführung der "scolas" eine mögliche getrennte Wahrnehmung von Männer- und Frauen-Schul zum Ausdruck kommt (vgl. hiergegen in anderem Zusammenhang: Cluse, Studien (2000), S. 43), oder ob die Verwendung des Plurals vielmehr den vielfältigen Funktionen einer Gemeindeeinrichtung gerecht wird, ist aus dem vorliegenden Schriftstück nicht zu ermitteln.

(5) Nach Regesten der Markgrafen von Brandenburg, Nr. 1670: "Bede".

(6) CDB und Marg-Gräflich-Brandenburgische Urkunden drucken: de.

(7) CDB druckt: dignis.

Überlieferung:

Stendal, StadtA, I.031, Orig., Perg.

  • UB Herren von Wedel 2, Nr. 48, S. 29;
  • CDB 1, 15, Nr. 57, S. 44 f.;
  • Marg-Gräflich-Brandenburgische Urkunden 1, Nr. 66, S. 149–152;
  • Bekmann, Beschreibung 2 (1753), Bd. 2, Teil 5, 1. Buch, 2. Kapitel, Abschnitt 5, Sp. 204 f.
  • Quellen zur Geschichte der Juden in den Archiven der neuen Bundesländer 5, Nr. 4251, S. 331;
  • Regesten der Markgrafen von Brandenburg, Nr. 1670, S. 445.

  • Schich, Problem (1987), S. 70 f.;
  • Helbig, Gesellschaft (1973), S. 35 f.;
  • GJ 2, 2, S. 791–793.; GJ 2, 1, S. 102;
  • Heise, Juden (1932), S. 18, 23 f., 28–30, 37 und 345;
  • Caro, Sozialgeschichte 2 (1920), S. 138;
  • Holtze, Strafverfahren (1884), S. 1;
  • Landsberger, Geschichte der Juden in der Stadt Stendal (1882), S. 173–175;
  • Götze, Geschichte (1873), S. 65;
  • Klöden, Diplomatische Geschichte 1, 200 f.;
  • Zimmermann, Versuch 1 (1837), S. 327 f.

Kommentar:

Es handelt sich bei der Quelle keineswegs um eine Judenordnung im spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Sinne, daher ist die häufige Bezeichnung als "Stendaler Judenordnung" irreführend. Vielmehr liegen hier Privilegien(bestätigungen) vor.

Die Auffassung, es habe sich lediglich um ein Mandat der Markgrafen an die Stadt zur Ausstellung der entsprechenden Urkunde für die Juden gehandelt (Regesten der Markgrafen von Brandenburg, Nr. 1670, S. 445), ist nicht eindeutig aus der Quelle abzuleiten.

Die Zusammenfassung in der GJ 2, 2, S. 791–793 (mit Anmerkungen), ist ausführlich und kommentierend, die ebd. postulierte Zurückführung der hier vorliegenden Urkunde auf den Sachsenspiegel muss als fraglich dahingestellt bleiben. Eine abweichende Datierung auf den 7. Dezember 1297 bei der Wiedergabe einzelner Passagen durch Gengler, Stadtrechte (1866), S. 461, ist irrig. Der Hinweis bei Heise, Juden (1932), S. 27 und 37, die Juden hätten zur Aufnahme in die Stadt 20 Silbermark an Besitz nachweisen müssen, ist wohl Resultat eines Flüchtigkeitsfehlers.

Neben dem Responsum des MaHaRam aus der Zeit von 1270 bis 1275 (vgl. hierzu den Einleitungstext zu diesem Teilcorpus, S. 8, Anm. 43) darf die sogenannte Stendaler Judenordnung von 1297 April 4 als Beleg dafür gelten, dass das ausgehende 13. Jahrhundert von einer auch innerjüdisch reflektierten, starken Zuwanderung geprägt war.

GJ 2, 1, S. 102 und S. 791 f., unterstreicht mit der älteren Forschung den Vorbildcharakter der Privilegienkompilation für die rechtliche Stellung der Juden in anderen Orten der Mark Brandenburg. Eine Filiation der hier festgehaltenen Regelungen ist zwar vorstellbar, aber nicht zwangsläufig.

(jrc.) / Letzte Bearbeitung: 10.09.2018

Zitierhinweis

Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich, hg. v. Alfred Haverkamp und Jörg R. Müller, Trier, Mainz 2013, BR01, Nr. 8, URL: http://www.medieval-ashkenaz.org/BR01/CP1-c1-0298.html (Datum des Zugriffs)

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