Quellen zur Geschichte der Juden in Westfalen

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202 Quellen in diesem Teilcorpus. Sie sehen die Quelle 55.

Westfalen 1, Nr. 55

[zwischen 1310 und 1335]

Abba Schalom, ein jüdischer Frommer (Chassid), verbrennt in einer mit Soest identifizierten Stadt aus religiösen Gründen Ketzerbücher: Ich, Abba Schalom (1), sage: Ich bin nicht vergeblich hierher gekommen, sondern um die Einheit Gottes (2) - sein Name sei gesegnet für immer und ewig - richtig zu stellen. Und ebenso habe ich in Soest (3) Ketzerbücher verbrannt ([Sic!] אמר אני אב''א שלום לא לחנם באתי הנה, אלא כדי ליישב ייחור אלקינו י''ש לעד ולנצח, וכן ב[…] בערתי ספרי מינים באש, בזנזש בזושט‎). (4‏)

(1) Das Zitat stammt aus einem anonymen Gebetskommentar, der im Kreis von Schülern, vielleicht von Zeitgenossen Rabbi Meirs von Rothenburg Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden ist. In Fortsetzung des Zitats befasst sich Abba Schalom mit dem richtigen Verständnis einer liturgischen Formel und besteht kompromisslos auf einem von dem Verdacht der Vielgestaltigkeit geläuterten Verständnis der Natur Gottes. Abba Schalom ist aus anderen Quellen bisher nicht bekannt. Zunz, Ritus (1859), S. 194, und Steinschneider, Handschrift (1895), S. 217, halten Abba Schalom für den Verfasser des Kommentars.

(2) Die Spekulation über die Einheit Gottes war ein zentrales Anliegen der Chasside Aschkenas, der deutschen Frommen. Eine Reihe von kleinen Traktaten über das Mysterium der Einheit Gottes aus ihrer Hand ist erhalten; vgl. Scholem, Mystik (1957), S. 97 f., und Dan, Yihud-Literature (1965/66), S. 533-544.

(3) Die Lesung Soest steht in der späteren Münchner Handschrift. Die Oxforder Handschrift aus der Mitte des 14. Jahrhunderts hat das unidentifizierbare SNSSCH. E. E. Urbach, der Herausgeber des Sefer Arugat haBoscm 4, S. 81, Anm. 53, verwirft mit Recht die Identifikation mit Xanten, die Perles, Berner Handschriften (1887), S. 18 vermutet hatte.

(4) Die religiösen Anschauungen der Soester Juden waren demnach nicht unbedingt unorthodox, entsprachen aber nicht denen eines fanatischen Chassiden. Über den religiösen Enthusiasmus der Chasside Aschkenas und ihre Stellung am Rande der zeitgenössischen jüdischen Gesellschaft vgl. Sefer Arugat haBoscm 4, S. 80-83, und Soloveitchik, Three Themes (1976), S. 325-338.

Überlieferung:

Oxford, Bodleian Library, Cod. hebr. 649, fol. 5r, Abschr. (wahrscheinlich 1344), hebr.; München, BStB, Cod. hebr., Nr. 393, fol. 13r (Abschr.).

  • Aschoff, Soest (1981), Nr. 1, S. 512;
  • WJ 1, Nachträge, Nr. 8, S. 263 f.
  • Aschoff, Kurkölnisches Hzm. Westfalen (2009), S. 676;
  • Aschoff, Geschichte (2006), S. 50 f.;
  • Ries, Soest (1995), S. 553;
  • Aschoff, Soest (1981), S. 504 und 508;
  • GJ 2, 2, S. 769 f.

(dia.) / Letzte Bearbeitung: 28.02.2018

Zitierhinweis

Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich, hg. v. Alfred Haverkamp und Jörg R. Müller, Trier, Mainz 2015, WF01, Nr. 55, URL: http://www.medieval-ashkenaz.org/WF01/CP1-c1-027z.html (Datum des Zugriffs)

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