Quellen zur Geschichte der Juden in Westfalen

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Westfalen 1, Nr. 5

[zwischen 1280 und 1310], Dortmund

Die älteste schriftliche Fixierung der lateinischen Statuten der Stadt Dortmund (auf der Vorderseite eines einzelnen Pergamentblattes als Kopie einer für Memel angefertigten Zusammenstellung) wird auf der Rückseite mit drei Paragraphen ergänzt, zwei Bestimmungen zum Pfandrecht (WF01, Nr. 6) geht der Dortmunder Judeneid (1) voraus.

Dieser besteht aus einem lateinischsprachigen Vorspann, der Ausführungsbestimmungen enthält, und dem niederdeutschen Eidtext. Den eigentlichen Ausführungsbestimmungen geht der Hinweis voraus, dass der Eid durch die römischen Kaiser festgesetzt und seit jeher in ganz Deutschland streng beachtet wurde (Juramentum iudeorum a divis imperatoribus institutum et ex antiquis temporibus in tota terra Theutonie firmiter observatum).

Die Vorgaben zum Vollzug des Eides sind detailliert:

1. Der Jude soll mit dem Richter und dem Kläger die Synagoge betreten (Primo intret iudeus synagogam cum iudice et actore).

2. Der Jude soll die rechte Hand bis an das Gelenk in das Buch Leviticus legen. Das Buch soll geschlossen werden (et imponat dextram manum totam usque [ad] menbrum [Sic!] brachii in librum Levitici et claudatur liber).

3. Ein Geistlicher (2) soll dem Juden den Eid vorsprechen. Jedesmal wenn der Jude zögert und wenn der Vorsprecher ihm zum dritten Mal vorgesprochen hat und wenn der Jude nicht fehlerfrei mit Worten gefolgt ist, soll der Eid von vorne beginnen und genauso oft soll der Jude dem Richter ein Pfand übergeben (et incipiat clericus prenarrare iuramentum iudeo, et quocienscunque iudeus hesitaverit et prenarrans illud et tercio predixerit nec iudeus ipsum verbis secutus fuerit, tociens ab inicio incipietur et tociens porriget pignus iudici).

4. Der Jude soll dem den Eid vorsprechenden Geistlichen für seine Arbeit ein Pfund Pfeffer oder einen gleichwertigen Lohn geben (clerico vero narranti iuramentum pro labore suo dabit talentum piperis vel precium equipollens).

5. Der Eid muss in dieser Form auf das Buch Exodus geleistet werden (in libro qui hebraice dicitur Ellesmot (3) iurandum est in hunc modum).

In dem anschließenden, in niederdeutsch verfassten, dreiteiligen Judeneid folgen auf die Unschuldserklärung mit Anrufung Gottes und des mosaischen Gesetzes eine siebenfache Selbstverfluchung - jeweils mit der Einleitung ef du heves unrecht - und schließlich eine Bekräftigungsformel unter Anrufung Gottes und der fünf Bücher Moses (dat di Got so helpe ende quinque libri Moysi). (4)

Der Eintrag schließt Lateinisch mit dem erneuten Hinweis auf die Entlohnung des Vorsprechers (Actor prenarrantem iuramentum remunerabit). (5)

(1) Die von Aronius vorgenommene zeitliche Einordnung des Dortmunder Judeneides (Regesten zur Geschichte der Juden im Fränkischen und Deutschen Reiche, Nr. 633, S. 265: "nach 1257"), der die WJ in beiden Auflagen gefolgt ist (WJ 1, Nr. 17, S. 41), dürfte zugunsten eines späteren Ansatzes zu korrigieren sein. Aronius folgte bei seiner Datierung Frensdorff, der die anlässlich der zwischen 1254 und 1256 erfolgten Übersendung an die entstehende Stadt Memel auf einer einzelnen Pergamentblattseite zusammengestellten lateinischen Statuten in seiner Edition der Dortmunder Statuten "bald darauf" datierte (Dortmunder Statuten, S. CLXV-CLXVII). Zwar erkannte Frensdorff die auf der Rückseite des besagten Pergamentblattes von einer weiteren Hand hinzugefügten Paragraphen mit dem Judeneid (in der modernen Zählung: §§ 37) und den beiden Bestimmungen zum Pfandrecht (§§ 38 f.; WF01, Nr. 6) als Nachträge, charakterisierte diese jedoch als "früh" gegebene Zusätze der älteren Paragraphen (§§ 1-36) (Dortmunder Statuten, S. CLXXV). Daraus entwickelte Aronius (und ihm folgend die WJ) den Ansatz "nach 1257". Frensdorff erkannte nicht, dass die von ihm beschriebene, in Dortmund besiegelte Abschrift für die Stadt Höxter, die seinen Ausführungen nach die auf der Rückseite gemachten Zusätze der §§ 37-39 nicht kennt (Dortmunder Statuten, S. 5 f.), eine weniger vage Datierungsmöglichkeit bot. Will man nicht von einem Versehen oder einer bewussten Auslassung ausgehen, darf man vermuten, dass die Hinzufügungen erst nach Herstellung der Abschrift für Höxter entstanden sind. Frensdorff selbst datierte diese in anderem Zusammenhang in die Jahre um 1280 (Dortmunder Statuten, S. CLXIX). Insofern dürften Judeneid und die beiden Paragraphen zum Pfandrecht nach 1280 niedergeschrieben worden sein. Das geht einher mit - teils an der Schrift orientieren - Ansätzen, die sich zwischen dem Ende des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts bewegen; vgl. Wolf, Judeneide (2003), S. 859 und 872; Zimmermann, Entwicklung des Judeneids (1973), S. 104; Bernstein, Geschichte Judeneide (1922), S. 26; Gierse, Juden in Westfalen (1878), S. 44; Koppmann, Dortmund (1867), S. 92; Kayserling, Juden in Dortmund (1860), S. 82; Fahne, Grafschaft 3 (1855), S. 17, Anm. * und 26, Anm. *. Etwas vorsichtiger sind Einordnungen, die die Zusätze in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts bzw. noch in das 13. Jahrhundert legen; vgl. Magin, Status (1999), S. 79, 288; Korlén, Texte (1945), S. 104; Maser, Dortmund (1911/12), S. 32; Dortmunder Statuten, S. 4. Aus dem Rahmen fällt Westfälisches Städtewesen und die Hansa, S. 13; die Bearbeiterin datiert auf Grundlage des inzwischen verlorenen Großen Dortmunder Stadtbuches auf ca. 1250.

(2) Clericus (dt.: pape und prester): Darunter dürfte kein christlicher Geistlicher zu verstehen sein, wie es Bernstein, Geschichte Judeneide (1922), S. 29 vermutet, sondern eher ein jüdischer Religionsvertreter, ggf. ein Rabbiner oder ein Vorbeter.

(3) Nach dem Beginn des Buches (Schemot). Das steht im Widerspruch zu der Angabe, dass der Jude seine rechte Hand bis an das Gelenk in das Buch Leviticus legen soll, findet sich allerdings auch im Kölner Judeneid; vgl. Bernstein, Geschichte Judeneide (1922), S. 31; Zimmermann, Entwicklung des Judeneids (1973), S. 109.

(4) Vgl. auch den Judeneid im Weseler Bürgerbuch (um 1322; WF01, Nr. 97), den Hamelner Judeneid (zwischen 1311 und 1326; WF01, Nr. 58) und den Judeneid zu Soest (1. Hälfte 14. Jh.; WF01, Nr. 36) sowie die Judeneide von Köln und Helmstedt.

(5) An anderer Stelle hat sich eine Fassung erhalten, die die lateinischen Passagen ins Deutsche übertragen hat. Sie ist inhaltlich weitgehend unverändert (zu den Abweichungen vgl. Zimmermann, Entwicklung des Judeneids (1973), S. 108):

Eyn Jude dey sweren sul dey sal gaen in eyne sinagogen met dem richtere und met dame cleghere und leggen dey hand bit an dat lyed des armes in dat bouk Levitici und dat bouk do men dan tho, und dey pape spreke eme vor den end, und also vake als dey Jude stamert, also vake sul ment van eyrsten an eme weder vor lesen, und also vake als hey eme nicht na en spreke, alse vake sal hey dame richtere eyn pand doen; und deme papen, dey eme diessen eed vorspreket, deme sul men gheven eyn pund pepers. In deme bouke dat hebraice het Elesmot sal hey sweren in diesser wiis.

(es folgt die deutsche Eidesformel)

Dey Jude dey sal dem prester Ionen dat hey em den eed staved.

Überlieferung:

Dortmund, StadtA, Best. 1, Urkunde Nr. 9, Rückseite, dt. und lat., Perg.; Berlin, Staatsbibl. Preußischer Kulturbesitz, Ms. boruss. fol. 582, fol. 10r (1. Hälfte 14. Jh., dt. Übers.).

  • WJ 1, Nr. 17, S. 41-43;
  • Westfälisches Städtewesen und die Hansa, Nr. 8 f., S. 13 (mit einfachem Faksimile einer Seite aus dem verlorenen Großen Stadtbuch);
  • Dortmunder Statuten, Nr. I 37, S. 37-40 (auf Grundlage des Originals und mit Einbeziehung der Varianten in den damals bekannten Abschriften), Nr. V 10, S. 172 f. (dt. Übers.);
  • Fahne, Grafschaft 3 (1855), S. 26 f. (mit Lesefehlern);
  • Dreyer, Erläuterung (1768), S. 425 f. (nach Lübecker Abschrift, fehlerhaft).
  • Regesten zur Geschichte der Juden im Fränkischen und Deutschen Reiche, Nr. 633, S. 265-267.
  • Johanek, Frühzeit (2013), S. 47 f.;
  • Aschoff, Geschichte (2006), S. 71 f.;
  • Wolf, Judeneide (2003), S. 859-862 und 872;
  • Kosche, Studien (2002), S. 154;
  • Magin, Status (1999), S. 288-291;
  • Zimmermann, Entwicklung des Judeneids (1973), S. 104-110;
  • Korlén, Texte (1945), S. 104 f.;
  • Bernstein, Geschichte Judeneide (1922), S. 25-34;
  • Maser, Dortmund (1911/12), S. 32 f.;
  • Gierse, Juden in Westfalen (1878), S. 44 f.;
  • Koppmann, Dortmund (1867), S. 92;
  • Kayserling, Juden in Dortmund (1860), S. 82 f.

Kommentar:

Zu den Handschriften und Editionen der lateinischen Statuten Dortmunds vgl. Dortmunder Statuten, S. 3-16, 59 f. und 151; Frensdorff, Ausgabe (1882) , S. 119 f.; Korlén, Texte (1945), S. 104. Für den Judeneid und die beiden Bestimmungen zum Pfandrecht (WF01, Nr. 6) nicht zu berücksichtigen sind hier die Abschrift des Stadtarchivs Höxter (bei Frensdorff A 1), da dort die §§ 37-39 fehlen, sowie die darauf basierende Edition Genglers im Codex juris municipialis 1. Der Aufbewahrungsort einer in den Dortmunder Statuten, S. 352, erwähnten Handschrift des 16. Jahrhunderts aus dem Nachlass von Theodor Knochenhauer konnte bislang nicht ermittelt werden (in dieser ist der Judeneid hinter den Text aus den deutschen Statuten (WF01, Nr. 171) geschoben worden, während die §§ 38 und 39 an alter Stelle verblieben). Die Abschriften aus der Stadtbibliothek Lübeck (Ms. Jur. 4° 112) sowie im Großen Dortmunder Stadtbuch (Dortmund, StadtA) sind im Zweiten Weltkrieg vernichtet worden. Eine Abschrift der lateinischen und auch deutschen Statuten in Stadthagen aus dem 15. Jahrhundert ließ sich nicht mehr nachweisen. Zur rein deutschen Übertragung des Judeneides in einer Berliner Handschrift: Dortmunder Statuten, S. 184-188.

(jde.) / Letzte Bearbeitung: 29.06.2018

Zitierhinweis

Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich, hg. v. Alfred Haverkamp und Jörg R. Müller, Trier, Mainz 2015, WF01, Nr. 5, URL: http://www.medieval-ashkenaz.org/WF01/WF-c1-002w.html (Datum des Zugriffs)

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